Radfahrer in Gelb auf schmalem Weg durch Baumallee in Niedersachsen Bad Zwischenahn, Felder im Hintergrund.© Isabela Pacini

Auf den Spuren der Ochsen

Den ersten Sportskameraden erspähe ich noch vor dem Start in Wedel. Am Willkomm-Höft an der Elbe, wo nach Hamburg einfahrende Ozeanpötte mit ihrer Nationalhymne begrüßt werden, steht ein einsamer Radler in Funktionsoutfit, mit 20-Gang-Tourenbike, wettergegerbtem Gesicht und schwer bepackt. „Moin!“, rufe ich gut gelaunt hinüber. „Sie machen auch den Ochsenweg?“ Der Mann guckt verständnislos. Es stellt sich heraus, dass er auf dem Rückweg vom Polarkreis ist; 7.000 Kilometer hat er schon hinter sich, jetzt geht es heim nach Ingolstadt. Auf dem Ochsenweg will er nicht gefahren sein, was mich mit Erleichterung erfüllt: Ich bin Genussradlerin und freue mich auf eine entspannte Tour mit dem E-Bike von Wedel bis Bad Bramstedt.

Frau mit gelber Jacke schiebt Fahrrad über Pier zum Welcome Point in Schleswig-Holstein, Flussufer und Wolkenhimmel.© Isabela Pacini
Willkommen! In Wedel geht es los. Hier werden Ozeanriesen mit Nationalhymne und gehisster Flagge begrüßt
Radfahrer in gelber Jacke fährt einen Waldweg entlang, umgeben von hohen Kiefern im Ochsenweg Schleswig-Holstein© Isabela Pacini
Ochsenweg – Etappe: Wedel bis Bad Bramstedt Holmer Sanddüne
Große Ritterstatue am Ochsenweg in Schleswig-Holstein: königlicher Krieger mit Schwert, goldener Krone und Orb vor blauem Himmel.© Isabela Pacini
Roland: Die steinerne Statue am Wedeler Marktplatz weist Radfahrenden den Weg
Pferdegruppe am Ochsenweg in Schleswig-Holstein hinter Holzzäunen, grüne Wiesen und Baumriesen.© Isabela Pacini
Zaungäste: Pferde, Schafe, Rinder: Die Landwirtschaft am Ochsenweg ist vielfältig
Person mit Fahrrad auf weißer Holzbrücke über blühendem Rosenbeet in parkähnlicher Landschaft, Ochsenweg Schleswig-Holstein.© Isabela Pacini
Rosige Aussichten: Im Rosarium von Uetersen können Radfahrende eine romantische Pause einlegen. Und – theoretisch – auch heiraten!

Der Ochsenweg ist eine historische Verbindung

Natürlich hält der Ochsenweg auch seine Herausforderungen bereit. Etwa, wenn man ihn komplett abfährt.  Rund 240 Kilometer sind es von der Elbe bis zur dänischen Grenze, wobei der südliche Teil bis Rendsburg in zwei Varianten gefahren werden kann. Fünf Tage sollte man dafür veranschlagen. Ich habe mir heute nur die Tagestour auf der Ost-Route nach Bad Bramstedt vorgenommen, mit 66 Kilometern. Was den Ochsenweg in seiner Gesamtheit auszeichnet, ist sein sanftes Schlängeln auf Nebenstraßen durch echt norddeutsches Landleben. Über Felder und Weiden, durch Dörfer und gleich am Anfang am steinernen Roland von Wedel vorbei.  Hoch aufgerichtet, mit Schwert und goldener Krone, erinnert die Figur an die Marktrechte, die Wedel im 15. Jahrhundert verliehen wurden. Damit dort, wo die Menschen an diesem Morgen frische Blumen, regionale Äpfel und Fisch einkaufen, der Ochsenmarkt stattfinden konnte. Womit wir auch schon beim Thema wären.

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Schon seit der Bronzezeit führt der Ochsenweg durch die jütische Halbinsel bis zur Elbe

Denn der Ochsenweg ist nicht nur ein Fernradweg, der gerade zur ersten Qualitätsradroute Schleswig-Holsteins entwickelt wird. Er ist vor allem eine historische Verbindung und ein Stück deutsch-dänischer Geschichte. Er war – und das seit der Bronzezeit – der zentrale Landweg zwischen dem heutigen Dänemark und Norddeutschland. Kaufleute und Pilgernde gingen ihn, Ritter und Wegelagerer und eben auch Viehhändler, die ihre Rinder zu den großen Viehmärkten in Itzehoe, Husum und Wedel trieben. Es war einiges los: Im Jahr 1601 wurden bei Wedel 20.000 Ochsen über die Elbe gesetzt. Bald werden Audio-Guides und Infotafeln mehr erzählen zu Geschichte und Gegenwart rund um den Ochsenweg.

Radeln durch eine landwirtschaftlich geprägte Welt

Ich radle durch Alleen und Kiefernwälder, durch blühende Heide und an Sanddünen vorbei, die der Wind vom Elbufer hergeblasen hat. Ich fahre über gepflasterte Dorfstraßen, beäugt von Gänsen, die unter einem Birnbaum schnattern. Eine Schafherde taucht auf, Pferde galoppieren über eine Koppel, und kurz vor Uetersen stehen drei schwarze Rinder auf der Weide. Ochsen? Aus der Entfernung schwer zu sagen, jedenfalls für mich als Stadtkind. Aber schön ist das Gefühl, durch eine grüne, landwirtschaftlich geprägte Welt zu radeln. Zu der, wie die perfekt angelegten Blumenfelder am Wegesrand zeigen, auch Gartenbau gehört. 

Im Rosarium von Uetersen, einem idyllischen Stadtpark mit großem Teich, mache ich Picknick zwischen 900 Rosensträuchern und sehe dem Stadtgärtner zu, wie er weiße Stühle, Kissen und Blumendeko arrangiert. „Gleich ist die nächste Hochzeit“, ruft er munter, insgesamt stünden heute fünf auf dem Programm. In Uetersen, der Hochzeitsstadt, kommen die Standesbeamte auch ins Rosarium. Zehn Kilometer weiter blüht es auch im Arboretum von Ellerhoop: Der Botanische Garten mit seinen vielen lauschigen Ecken ist so liebevoll gestaltet, dass ich gar nicht mehr gehen möchte. Doch Bad Bramstedt wartet, der Kurort mit Schloss, alten Klinkerhäusern und netten Cafés, perfekt zum Entspannen nach einer langen Tour. Tatsächlich fühle ich mich noch fit, nach Padenstedt weiterzuradeln, um unterwegs auf der Straußenfarm oder bei der Hofgemeinschaft Weide-Hardebek Landluft zu schnuppern. Aber das mache ich beim nächsten Mal. Der Ochsenweg hat ja zum Glück viele Etappen. 

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Mehr Informationen über den Radfernweg Ochsenweg und seine Etappen erhalten Sie hier.

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